Die Mathematik hinter der Simulation
Dieses Modell beschreibt die Kernfusion in wenigen, bewusst vereinfachten Gleichungen, damit sie für alle verständlich ist. Das qualitative Verhalten bleibt dabei dasselbe: wie Temperatur, Dichte und Magnetfeld ein Plasma zünden, wann es stabil bleibt und wie viel Leistung ein Kraftwerk daraus gewinnt. Auf diesen Gleichungen ist die Simulation aufgebaut, in der sich jeder Effekt direkt ausprobieren lässt.
Zwei Hilfsfunktionen finden an vielen Stellen Verwendung. Die erste begrenzt einen Wert auf einen Bereich, die zweite bildet einen weichen Übergang von 0 nach 1.
- Eingangswert
- Untere und obere Grenze des Bereichs
- Weicher Übergang: 0 bis zum Beginn, 1 ab dem Ende, dazwischen ein glatter Anstieg
- Eingangswert
- Beginn und Ende des Übergangs
- Position zwischen Beginn und Ende, auf 0 bis 1 begrenzt
Brennstoffe
Das Modell betrachtet vier Brennstoffpaare. Die Werte sind gerundete Lehrbuchwerte.
| Reaktion | Energie je Reaktion | Zündtemperatur | Energiedichte |
|---|---|---|---|
| 17,6 MeV | 150 Mio. °C | 3,4 × 1011 J/g | |
| 3,65 MeV | 400 Mio. °C | 8,7 × 1010 J/g | |
| 18,3 MeV | 580 Mio. °C | 3,5 × 1011 J/g | |
| 8,7 MeV | 1000 Mio. °C | 6,6 × 1010 J/g |
- Deuterium, schwerer Wasserstoff mit einem Neutron
- Tritium, Wasserstoff mit zwei Neutronen
- Helium-3 und Helium-4
- Proton
- Neutron
- Bor-11
Bei Deuterium und Tritium trägt das Neutron 14,1 MeV der Energie davon, der Heliumkern 3,5 MeV. Die Zündtemperatur heißt in den Gleichungen unten .
Größe der Atomkerne
Der Radius eines Atomkerns wächst mit der dritten Wurzel seiner Massenzahl. Die Simulation übernimmt dieses Verhältnis und zeichnet Deuterium mit 9 Pixeln Radius.
- Kernradius, ein Deuteriumkern ist etwa 4 fm groß
- Radiuskonstante, für alle Kerne gleich
- Massenzahl, also die Zahl der Protonen und Neutronen im Kern
- Gezeichneter Kernradius in Pixeln
- Massenzahl, also die Zahl der Protonen und Neutronen im Kern
Ein Femtometer ist ein Billiardstel Meter. Die Simulation vergrößert die Kerne deshalb etwa eine Billion Mal.
Tokamak: Energiebilanz des Plasmas
Wie gern ein Brennstoff fusioniert, hängt steil von der Temperatur ab. Die Reaktivität steigt ab einem Viertel der Zündtemperatur an und sättigt knapp oberhalb davon.
- Reaktivität zwischen 0 und 1: wie leicht der Brennstoff fusioniert
- Plasmatemperatur in Millionen Grad Celsius
- Zündtemperatur des Brennstoffs aus der Tabelle oben
- Weicher Übergang aus der zweiten Hilfsfunktion oben
- Fusionsrate, ein Maß für die Zahl der Reaktionen pro Zeit
- Brennstoffdichte zwischen 0 und 1; der Regler zeigt sie als bis zu 2 × 10²⁰ Teilchen pro Kubikmeter
- Reaktivität zwischen 0 und 1: wie leicht der Brennstoff fusioniert
Die Fusionsrate wächst mit dem Quadrat der Dichte, weil für jede Reaktion zwei Kerne aufeinandertreffen müssen. Die Temperatur ändert sich durch Heizung, durch die Selbstheizung mit Heliumkernen und durch Verluste.
- Plasmatemperatur in Millionen Grad Celsius
- Zeit in Sekunden
- Heizung von außen, in Millionen Grad pro Sekunde
- Selbstheizung durch die Heliumkerne aus den Fusionsreaktionen
- Energieeinschlusszeit: ein stärkeres Feld hält die Wärme länger
- Heizung von außen, in Millionen Grad pro Sekunde
- Heizleistung zwischen 0 und 1; der Regler zeigt sie als 0 bis 50 MW
- Einspritzimpuls: springt beim Einspritzen auf 1 und klingt mit 1,4 pro Sekunde ab
- Selbstheizung durch die Heliumkerne aus den Fusionsreaktionen
- Fusionsrate, ein Maß für die Zahl der Reaktionen pro Zeit
- Energieeinschlusszeit: ein stärkeres Feld hält die Wärme länger
- Magnetfeld in Tesla, zwischen 1 und 12
Die Simulation löst diese Gleichung in Zeitschritten von höchstens 0,05 Sekunden und hält die Temperatur zwischen 2 und 600 Millionen Grad.
Tokamak: Stabilität
Ein heißes, dichtes Plasma drückt stark gegen das Magnetfeld. Ist das Feld zu schwach für diesen Druck, bricht das Plasma zusammen. Entscheidend ist der Vergleich des Drucks mit einem Mindestfeld.
- Plasmadruck in vereinfachten Einheiten
- Brennstoffdichte zwischen 0 und 1; der Regler zeigt sie als bis zu 2 × 10²⁰ Teilchen pro Kubikmeter
- Plasmatemperatur in Millionen Grad Celsius
- Mindestfeld, das diesen Druck gerade noch halten kann
- Plasmatemperatur in Millionen Grad Celsius
- Fusionsrate, ein Maß für die Zahl der Reaktionen pro Zeit
- Länge eines Zeitschritts in Sekunden
Ist das Feld mindestens so stark wie das Mindestfeld, bleibt das Plasma stabil. Sonst kommt es zur Disruption: Temperatur und Fusionsrate fallen in Sekundenbruchteilen, wie in der zweiten Zeile beschrieben.
Tokamak: Leistung und Q-Wert
Ein brennendes Plasma liefert bis zu 1500 Megawatt elektrische Leistung. Die Leistung folgt der Fusionsrate mit einer Zeitkonstante von einer halben Sekunde.
- Elektrische Leistung des Kraftwerks
- Fusionsrate, ein Maß für die Zahl der Reaktionen pro Zeit
- Länge eines Zeitschritts in Sekunden
- Q-Wert: Verhältnis von Fusionsleistung zu Heizleistung
- Fusionsrate, ein Maß für die Zahl der Reaktionen pro Zeit
- Heizleistung in Megawatt
- Heizleistung zwischen 0 und 1; der Regler zeigt sie als 0 bis 50 MW
Der Q-Wert ist das Verhältnis von Fusionsleistung zu Heizleistung. Als gezündet gilt das Plasma, wenn es stabil ist, die Zündtemperatur erreicht hat und die Fusionsrate über 0,15 liegt.
Tokamak: Atomkerne im Plasma
Gleich geladene Kerne stoßen sich ab. Die Abstoßung folgt dem Coulomb-Gesetz, geglättet, damit sie bei sehr kleinem Abstand nicht unendlich groß wird.
- Beschleunigung, mit der sich zwei Kerne abstoßen
- Stärke der Abstoßung, an die Darstellung angepasst
- Ladungszahlen der beiden Kerne; für Bor ist die Abstoßung fünfmal so stark wie für Wasserstoff
- Abstand zweier Kerne; die Abstoßung wirkt bis 55 Pixel und ist auf 2200 px/s² begrenzt
- Glättungslänge, damit die Abstoßung bei kleinem Abstand endlich bleibt
- Geschwindigkeit eines Kerns in Pixeln pro Sekunde
- Thermische Geschwindigkeit, auf die ein Thermostat jeden Kern zieht
- Plasmatemperatur in Millionen Grad Celsius
- Zündtemperatur des Brennstoffs aus der Tabelle oben
Zwei Kerne verschmelzen, wenn sie sich näher kommen als das 1,13-Fache ihrer Radien, das Plasma stabil ist und heißer als 45 Prozent der Zündtemperatur. Das leichte Reaktionsprodukt fliegt dann mit 320 px/s in eine zufällige Richtung davon. Bei Deuterium-Tritium und Deuterium-Deuterium ist das ein Neutron, bei Deuterium-Helium-3 ein Proton und bei Proton-Bor ein Heliumkern. In der Simulation folgt die Zahl der gezeigten Kerne der Dichte.
- Zahl der gezeigten Kerne
- Brennstoffdichte zwischen 0 und 1; der Regler zeigt sie als bis zu 2 × 10²⁰ Teilchen pro Kubikmeter
Stellarator: Einschluss ohne Plasmastrom
Der Stellarator folgt denselben Gleichungen wie der Tokamak, mit zwei Unterschieden. Seine verdrillten Spulen halten das Plasma ohne Plasmastrom, deshalb kann es nicht zur Disruption kommen. Und wie gut die Wärme eingeschlossen bleibt, hängt zusätzlich von der Form der Spulen ab.
- Energieeinschlusszeit: ein stärkeres Feld hält die Wärme länger
- Magnetfeld in Tesla, zwischen 1 und 12
- Spulen-Optimierung zwischen 0,3 und 1
Übersteigt der Druck, was das Feld halten kann, sinkt die Einschlusszeit, statt dass das Plasma zusammenbricht. Es brennt weiter, nur schlechter.
- Energieeinschlusszeit: ein stärkeres Feld hält die Wärme länger
- Magnetfeld in Tesla, zwischen 1 und 12
- Mindestfeld, das diesen Druck gerade noch halten kann
Mindestfeld, Fusionsrate, elektrische Leistung und die Atomkerne im Plasma berechnet die Simulation wie beim Tokamak.
Laser: Gewinn eines Schusses
Bei der Laserfusion entscheidet vor allem die Symmetrie der Strahlen. Der Gewinnfaktor eines Schusses ist das Produkt aus einem Grundwert des Brennstoffs und zwei Faktoren für Symmetrie und Laserenergie.
- Gewinnfaktor des Schusses: Ausbeute geteilt durch Laserenergie
- Grundgewinn des Brennstoffs: 110 für D-T, 38 für D-D, 72 für D-3He, 30 für p-11B
- Faktor für die Strahlsymmetrie
- Faktor für die Laserenergie
- Faktor für die Strahlsymmetrie
- Faktor für die Laserenergie
- Weicher Übergang aus der zweiten Hilfsfunktion oben
- Strahlsymmetrie zwischen 0,3 und 1; unter 0,7 verpufft die Implosion
- Laserenergie zwischen 0,5 und 3 MJ
- Energieausbeute des Schusses
- Laserenergie zwischen 0,5 und 3 MJ
- Gewinnfaktor des Schusses: Ausbeute geteilt durch Laserenergie
- Elektrische Leistung des Kraftwerks
Ein Laserkraftwerk zündet zehn Schüsse pro Sekunde und wandelt 40 Prozent der Wärme in Strom um. In der Simulation dauert ein Schuss drei Sekunden. Kompression, Zündung und Brand folgen der Zeitachse von 0 bis 1 mit weichen Übergängen.
- Fortschritt der Animation zwischen 0 und 1
- Zeitachse des Schusses zwischen 0 und 1
Vergleich mit Kohle und Wind
Der Vergleich rechnet die Kraftwerksleistung auf ein Jahr hoch. Grundlage ist ein Megawatt elektrische Leistung bei 90 Prozent Auslastung und 40 Prozent Wirkungsgrad. Das entspricht rund 7,1 × 1013 Joule Wärme im Jahr.
- Fusionsbrennstoff pro Jahr
- Elektrische Leistung des Kraftwerks
- Energiedichte des gewählten Brennstoffs aus der Tabelle oben
- Steinkohle pro Jahr
- CO₂ aus der Verbrennung dieser Kohle pro Jahr
- Elektrische Leistung des Kraftwerks
- Windräder mit 4 MW, die im Mittel 30 Prozent ihrer Leistung liefern
- Kohlekraftwerksblöcke mit je 400 MW
- Elektrische Leistung des Kraftwerks
Für Deuterium-Tritium ergibt das rund 210 Gramm Brennstoff pro Megawatt und Jahr. Steinkohle mit etwa 29 Megajoule pro Kilogramm braucht für dieselbe Wärme rund 2470 Tonnen, bei ihrer Verbrennung entstehen etwa 6160 Tonnen CO₂.
Wissenschaftliche Literatur
Die Gleichungen oben vereinfachen Ergebnisse der Fusionsforschung. Die folgenden Fachartikel erklären die Physik dahinter ausführlich, geordnet nach den Abschnitten dieser Seite. Jeder Eintrag führt über seinen DOI zur Originalveröffentlichung.
Brennstoffe
Die Standardformeln für Wirkungsquerschnitte und Reaktivitäten von D-T, D-D und D-³He.
Bosch, H.-S.; Hale, G. M. (1992): Improved formulas for fusion cross-sections and thermal reactivities. Nuclear Fusion 32, 611–631. https://doi.org/10.1088/0029-5515/32/4/I07
Die Reaktionsrate der Proton-Bor-Fusion.
Nevins, W. M.; Swain, R. (2000): The thermonuclear fusion rate coefficient for p-11B reactions. Nuclear Fusion 40, 865–872. https://doi.org/10.1088/0029-5515/40/4/310
Größe der Atomkerne
Elektronenstreuung zeigt, wie groß Atomkerne sind und wie ihre Ladung verteilt ist.
Hofstadter, R. (1956): Electron Scattering and Nuclear Structure. Reviews of Modern Physics 28, 214–254. https://doi.org/10.1103/RevModPhys.28.214
Tokamak: Energiebilanz des Plasmas
Das Lawson-Kriterium: wann ein Plasma mehr Energie liefert, als es verliert.
Lawson, J. D. (1957): Some Criteria for a Power Producing Thermonuclear Reactor. Proceedings of the Physical Society B 70, 6–10. https://doi.org/10.1088/0370-1301/70/1/303
Wie lange ein Tokamak die Wärme hält und wie das vom Magnetfeld abhängt.
ITER Physics Expert Group on Confinement and Transport et al. (1999): Chapter 2: Plasma confinement and transport. Nuclear Fusion 39, 2175–2249. https://doi.org/10.1088/0029-5515/39/12/302
Die Entdeckung der H-Mode, eines Zustands mit deutlich besserem Einschluss.
Wagner, F. et al. (1982): Regime of Improved Confinement and High Beta in Neutral-Beam-Heated Divertor Discharges of the ASDEX Tokamak. Physical Review Letters 49, 1408–1412. https://doi.org/10.1103/PhysRevLett.49.1408
Tokamak: Stabilität
Die Troyon-Grenze: wie viel Druck ein Magnetfeld stabil halten kann.
Troyon, F. et al. (1984): MHD-Limits to Plasma Confinement. Plasma Physics and Controlled Fusion 26, 209–215. https://doi.org/10.1088/0741-3335/26/1A/319
Übersicht über die Dichtegrenze in Tokamaks und Stellaratoren.
Greenwald, M. (2002): Density limits in toroidal plasmas. Plasma Physics and Controlled Fusion 44, R27–R53. https://doi.org/10.1088/0741-3335/44/8/201
Stabilitätsgrenzen und Disruptionen in Tokamaks, mit Blick auf ITER.
Hender, T. C. et al. (2007): Chapter 3: MHD stability, operational limits and disruptions. Nuclear Fusion 47, S128–S202. https://doi.org/10.1088/0029-5515/47/6/S03
Tokamak: Leistung und Q-Wert
Überblick über die Physikgrundlagen von ITER, das zehnmal mehr Fusionsleistung als Heizleistung erzeugen soll.
ITER Physics Basis Editors et al. (1999): Chapter 1: Overview and summary. Nuclear Fusion 39, 2137–2174. https://doi.org/10.1088/0029-5515/39/12/301
Ergebnisse der europäischen Großanlage JET zur Vorbereitung des ITER-Betriebs.
Mailloux, J. et al. (2022): Overview of JET results for optimising ITER operation. Nuclear Fusion 62, 042026. https://doi.org/10.1088/1741-4326/ac47b4
Tokamak: Atomkerne im Plasma
Der Tunneleffekt durch die Coulomb-Barriere, zuerst für den Alphazerfall beschrieben. Derselbe Effekt macht die Fusion bei erreichbaren Temperaturen möglich.
Gamow, G. (1928): Zur Quantentheorie des Atomkernes. Zeitschrift für Physik 51, 204–212. https://doi.org/10.1007/BF01343196
Stellarator: Einschluss ohne Plasmastrom
Das ursprüngliche Konzept des Stellarators.
Spitzer, L. (1958): The Stellarator Concept. The Physics of Fluids 1, 253–264. https://doi.org/10.1063/1.1705883
Die ersten Plasmen von Wendelstein 7-X in Greifswald.
Klinger, T. et al. (2017): Performance and properties of the first plasmas of Wendelstein 7-X. Plasma Physics and Controlled Fusion 59, 014018. https://doi.org/10.1088/0741-3335/59/1/014018
Wendelstein 7-X zeigt, dass ein optimiertes Magnetfeld die neoklassischen Wärmeverluste senkt.
Beidler, C. D. et al. (2021): Demonstration of reduced neoclassical energy transport in Wendelstein 7-X. Nature 596, 221–226. https://doi.org/10.1038/s41586-021-03687-w
Laser: Gewinn eines Schusses
Der Vorschlag, Brennstoff mit Lasern auf extreme Dichte zu komprimieren.
Nuckolls, J.; Wood, L.; Thiessen, A.; Zimmerman, G. (1972): Laser Compression of Matter to Super-High Densities: Thermonuclear (CTR) Applications. Nature 239, 139–142. https://doi.org/10.1038/239139a0
An der National Ignition Facility überschreitet ein Experiment erstmals das Lawson-Kriterium für die Zündung.
Abu-Shawareb, H. et al. (2022): Lawson Criterion for Ignition Exceeded in an Inertial Fusion Experiment. Physical Review Letters 129, 075001. https://doi.org/10.1103/PhysRevLett.129.075001
Erstmals liefert ein Laserfusionsexperiment mehr Fusionsenergie, als der Laser auf das Target gebracht hat.
Abu-Shawareb, H. et al. (2024): Achievement of Target Gain Larger than Unity in an Inertial Fusion Experiment. Physical Review Letters 132, 065102. https://doi.org/10.1103/PhysRevLett.132.065102